Therapie bei Störungen der weiblichen Sexualität

Die Therapie der weiblichen Sexualstörungen befasst sich zum einen mit den psychologischen, psychosozialen und zum anderen mit den physischen Aspekten.

Prof. Dr. SommerWichtig ist begleitend zu jeder spezifischen Therapie der Beschwerden auch die Behandlung von zwischenmenschlichen Problemen innerhalb der Partnerschaft, aber auch ganz besonders die psychologische Begleitung der Patientin je nach Ausmaß der Beschwerden und Wunsch.

Der allgemeine Algorithmus für die Diagnose und Behandlung sexueller Beschwerden beinhaltet die Identifikation des Problems eine Schulung der Betroffenen und deren Partner(innen) sowie die Durchführung der geeignetesten Therapie. Im Folgenden stellen wir die wesentlichen Therapie-Formen als Überblick dar.

Modifikation von reversiblen Faktoren

Die Veränderung von umkehrbaren Faktoren beinhaltet beispielsweise eine Verbesserung der physischen Fitness durch Sport, da Studien gezeigt haben, dass diese mit einer besseren sexuellen Funktion korreliert. Auch eine Umstellung der Ernährung im Sinne einer mediterranen Diät hat einen deutlichen positiven Einfluss auf die Sexualfunktion bei Frauen. Einstellung des Rauchens, ausreichend Schlaf und eine Verringerung von Stress wirken sich ebenfalls positiv auf die Sexualität aus.

Medikamentöse Therapie

Nicht-hormonell, peripher wirksam

Es gibt Medikamente, die auf einer nicht-hormonellen Basis im Genitalbereich wirksam sind und die Durchblutung verbessern.

Dadurch erreicht man z.B. eine Verbesserung der Lubrikation (feucht werden der Scheide bei sexueller Erregung), welche beispielsweise bei Frauen mit Bluthochdruck oder der sogenannten Schaufensterkrankheit, also Erkrankungen, die mit einer Veränderung der Durchblutung einhergehen, auftreten können. Aber auch eine Verbesserung der Orgasmusfähigkeit ist bekannt.

PDE-5-Inhibitoren (z.B. Levitra®, Viagra® und Cialis®) zeigen sich auch wirksam bei Sexualbeschwerden durch Medikamente (z.B. Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer SSRI), neurologische Erkrankungen oder auch z. B. durch Diabetes mellitus verursachten Sexualstörungen. Diese Medikamente können als Salbe oder auch in Tablettenform verabreicht werden.

Nicht-hormonell, zentral wirksam

Man weiß, dass die sexuelle Reaktion von stimulierenden, also anregenden und hemmenden Mechanismen, gesteuert wird. Dieses empfindliche System ist in einer Balance. Bestimmte Medikamente oder Erkrankungen können dieses Gleichgewicht durcheinander bringen. Das Resultat sind Störungen der Sexualität wie z. B. Lustlosigkeit.

Es gibt die Möglichkeit, Ihnen Medikamente zu verschreiben, die auf einer nicht-hormonellen Basis im Gehirn wirksam sind und dieses Gleichgewicht wieder herstellen. Diese Medikamente sind wirksam bei Luststörungen, Erregungs- und Orgasmusproblemen.

Hormonelle Therapie

Ein intaktes hormonelles System ist die Voraussetzung für die Funktion der sexuellen Reaktion, welche die mentale sexuelle Lust und Erregung und die Reaktion des Genitals, also z. B. das Feuchtwerden der Scheide, umfasst. Sogenannte Steroidhormone steuern zum einen im Gehirn die Bereitschaft und Empfänglichkeit, auf eine sexuelle Stimulation zu reagieren, zum anderen sorgen sie dafür, dass das Gewebe, die Zellen im Genitalbereich, gesund ist. Frauen haben genauso wie Männer Östrogene, Gestagene und auch Androgene (z.B. Testosteron). Nur die Konzentration, also die Menge der sogenannten „männlichen“ Sexualhormone, ist bei Frauen deutlich niedriger als bei Männern.

Östrogene (Östron (E1), Östradiol (E2) und Östriol (E3)) werden hauptsächlich aus Vorläufer-Hormonen (Androstendion und Testosteron, welches die sogenannten männlichen Hormone sind) in den Eierstöcken (Graafsche Follikel), Fettgewebe und Haut produziert. Sie sind im sexuellen Bereich für den Erhalt der Struktur und Funktion des vaginalen Gewebes sowie die Durchblutung der Genitalorgane wichtig. Ein Abfall des Östrogenspiegels führt häufig zu vaginaler Trockenheit, Atrophie der vaginalen Schleimhäute, d. h. dass die Scheide kleiner und kürzer wird, sich verändert, trockener wird, die Haut leichter reißt etc. Weiterhin werden Schlafstörungen, Hitzewallungen und Stimmungsschwankungen hervorgerufen.

Die Östrogengabe (Ovestin®, Oekolp®) im Genitalbereich ist mit einer Verbesserung der vaginalen Struktur und Funktion vergesellschaftet. Studien haben gezeigt, dass es nicht zu einer Erhöhung der Östrogene im Blutkreislauf kommt. Dieses ist wichtig für Frauen, die sich scheuen, eine Hormontherapie zu machen. Die Gabe von Östrogenen im Genitalbereich ist lediglich auf den Genitalbereich in ihrer Wirkung beschränkt. Es kommt zu keiner Erhöhung des Brustkrebs-Risikos etc. Die positiven Effekte sind sowohl im sexuellen Bereich als aber auch beispielsweise für Frauen, die unter ständigen Harnwegsinfektionen oder Trockenheit/Gereiztheit/Juckreiz der Scheide leiden, enorm.

Die systemische Östrogen- und Progesterongabe, das heißt, eine Therapie, die die Hormone im Blutkreislauf erhöht, kann eine Lust/Erregungsstörung im Allgemeinen durch die Verbesserung von Wohlbefinden und sexueller Motivation und im Besonderen bei Veränderungen der Scheide aufgrund eines lokalen Östrogenmangels verbessern. Sie sollte jedoch in der niedrigstmöglichen Dosierung und über den kürzestmöglichen Zeitraum verabreicht werden.

Besonders bei chirurgisch verursachter Menopause (Wechseljahre) aufgrund einer beidseitigen Eierstockentfernung zeigt sich bei einer kombinierten Androgen-Östrogen-Gabe eine Verbesserung der sexuellen Erregung, der Libido, sexueller Phantasien und der Häufigkeit von Geschlechtsverkehr und Orgasmen. Wichtig ist eine gute Aufklärung der Patientin über mögliche Risiken und Vorteile der Therapie mit Hormonen sowie eine gute Überwachung.

Androgene, die „männlichen“ Sexualhormone (Testosteron und Dehydroepiandrosteron (DHEA) sind die wichtigsten der insgesamt 7 Androgene) werden ebenfalls zum einen aus Vorläufer-Hormonen und zum anderen direkt von den Nebennieren und Eierstöcken gebildet. Androgene stimulieren unter anderem das sexuelle Interesse/Phantasie und die Libido, sie regulieren den genitalen (Clitoris und Scheide) Blutfluss und die vaginale Lubrikation (Feuchtwerden der Scheide) sowie die Struktur und Funktion der Scheide und des umliegenden Gewebes. Ein Abfall des Androgene ist daher im sexuellen Bereich oft assoziiert mit einer Verschlechterung des Gefühls im Genitalbereich (bis hin zur Taubheit des Genitals), einem Abfall der Libido, der sexuellen Empfänglichkeit und Erregung sowie Orgasmuskapazität, des weiteren auch mit Depressionen, Energielosigkeit, Unwohlsein, Osteoporose und Verlust von Haar im Genitalbereich sowie der Muskulatur.

Hierbei profitieren die betroffenen Frauen deutlich von einer Androgensubstitutionstherapie. Der Einfluss von Androgenen auf die Libido ist in vielen Studien hinreichend dargestellt. In Deutschland ist das Medikament Intrinsa®, welches ein Testosteronpflaster ist, für Frauen, die keine Eierstöcke mehr haben, zur Behandlung von Sexualstörungen zugelassen. Auch in der Behandlung von Schmerzen im Genitalbereich kann die Testosterongabe hilfreich sein. Vor und auch während der medikamentösen Therapie sollte eine Überwachung der Brust und Blutwerte erfolgen, wobei es wichtig ist zu wissen, dass bisher keine Erhöhung des Brustkrebsrisikos durch die Testosterongabe bei Frauen bekannt ist und man vielmehr zeigen konnte, dass Testosteron das Wachstum von Brustkrebs hemmt.

Psychologische und physische Therapie

Bei Störungen der Orgasmusfähigkeit ist die angeleitete Masturbation (Selbstbefriedigung) sehr hilfreich. Hierbei wird die Körperwahrnehmung und der Umgang mit den eigenen Reaktionen auf sexuelle Stimulation vermittelt. Auch eine Schulung der Frauen über die eigene Anatomie, im besonderen der Sexualorgane sowie der körperlichen Reaktionen, ist sehr hilfreich.

Leidet die Frau unter einer situationellen Anorgasmie, das heißt, dass sie bei Masturbation problemlos zum Orgasmus kommt, nicht jedoch beim Geschlechtsverkehr oder sexueller Stimulation durch den Partner, ist eine Partnertherapie empfohlen.

Das Biofeedback-EMG der vaginalen Muskulatur scheint bei Schmerzen während des Geschlechtsverkehrs erfolgversprechend zu sein. Ziel der Behandlung ist die Entspannung der Beckenbodenmuskulatur und eine Steigerung der Muskelkraft und Stabilität. Hilfreich ist hierbei auch die physiotherapeutische Therapie der Beckenbodenmuskulatur mit kognitiver Verhaltenstherapie, welche auch bei Orgasmusstörungen eingesetzt wird. Kegel-Übungen zum Training der Beckenbodenmuskulatur helfen ebenso wie Wahrnehmungsübungen.

Eine mechanische Hilfe bei HSDD stellt das sogenannte „EROS“ dar, eine mechanische Saugpumpe. Durch die Schwellung der Clitoris kommt es zu einer Verbesserung der Erregung, der vaginalen Lubrikation, des Orgasmus und der allgemeinen sexuellen Zufriedenheit.

Wenn die Patientinnen mit Schmerzen während des Geschlechtsverkehrs von einer psychologischen oder medikamentösen Therapie nicht profitieren, ist eine operative Therapie zu diskutieren.